Thema: Über das Schreiben

Forum: Geschichten

Autor: Serafia_Serafin


Serafia_Serafin - 4/3/2010 um 09:02


Tausend Nächte saß ich gottverlassen
und erlebte immer wieder Mich,
bis mein Hoffen, Fürchten, Lieben, Hassen
in gespensterhafte Helfen wich,
und mir graute selbst vor den Gestalten,
die mit einem Leben ich durchdrang,
das, von ewger Leidenschaft gehalten,
die Erschütterten zu handeln zwang.

Tausend selig-bange Schöpfernächte
feuchteten die Stirne und die Hand,
bis nach immer wilderem Gefechte
ich die Geisterschar in Worte band,
bis mein Herz, das aufgelöst von Tränen,
in den Helden, die es schuf, erstarkt,
bis ich meiner Brust erregetes Sehnen
eingewiegt - nein: gläsern eingesargt!

Helden schuf ich und der Helden Feinde -
und ihr Kampf gab Frieden meiner Brust,
Gott erschuf ich und schuf die Gemeinde -
und ward meiner Frömmigkeit bewußt,
Männer schuf ich und schuf stille Frauen
und erlöste Mann in mir und Weib,
denn mit wunderlichem Selbstvertrauen
gab ich meine Seele jedem Leib.

Aber was aus dieser Brust gesprungen,
sieht mich heute fremd und finster an,
seit ich ihm sein Leben eingesungen,
löste es sich ganz aus meinem Bann,
gleichberechtigt meinem eignen Leben
ward der Wirklichkeit gewordne Traum,
die befreienden Befreiten schweben
heute mir vorbei und grüßen kaum.


Börries von Münchhausen.


[Editiert am 4/3/2010 um 09:04 von Serafia_Serafin]

Serafia_Serafin - 4/3/2010 um 09:30


„Jeder kann schreiben.“, sagte er. „Es gibt welche, die können ein bisschen besser schreiben als die anderen – die nennt man Schriftsteller. Dann gibt es welche, die besser schreiben können als die Schriftsteller. Die nennt man Dichter. Und dann gibt es noch Dichter, die besser schreiben können als andere Dichter. Für die hat man noch keinen Namen gefunden. Es sind diejenigen, die einen Zugang zum Orm haben.“
O nein, bitte nicht schon wieder das Orm! Dafür, dass ich das Orm noch nicht erlangt hatte, war es mir verdammt hartnäckig auf den Fersen. Es stöberte mich in den entlegensten Winkeln auf, selbst kilometertief unter der Erde in der Bibliothek der Lebenden Bücher.
„Die kreative Dichte des Orms ist unermesslich. Es ist ein Quell der Inspiration, der nie versiegt – wenn man weiß, wie man dorthin gelangt.“ Der Schattenkönig sprach vom Orm, als es ein Ort, den er mit größter Selbstverständlichkeit regelmäßig frequentierte.
„Aber selbst wenn es dir eines Tages vergönnt sein sollte, zum Orm zu gelangen“, sagte er, „dann wirst du dort ein Fremder sein, wenn du nicht das Alphabet der Sterne beherrscht.“
„Das Alphabet der Sterne? Ist das eine Schrift?“
„Ja und nein. Es ist ein Alphabet, aber es ist auch ein Rhythmus. Eine Musik. Ein Gefühl.“
„Geht es noch etwas unbestimmter?“, stöhnte ich. „Ist es vielleicht auch noch ein Kuchen und ein Blasebalg?“
Homunkoloss ignorierte meine Bemerkung.
„Es gibt einige Dichter, die das Orm erreichen. Das ist schon ein großes Privileg. Aber die wenigsten von ihnen beherrschen das Alphabet der Sterne. Das sind die Auserwählten. Wenn du es beherrscht, dann kannst du, wenn du zum Orm gelangst, dort mit allen künstlerischen Kräften des Universums kommunizieren. Dinge lernen, von denen du im Traum nicht glauben würdest, dass es sie gibt.“


Aus: Walter Moers: Die Stadt der Träumenden Bücher, Kapitel: Das Alphabet der Sterne

Serafia_Serafin - 4/3/2010 um 09:38


„Aber darf ich ihnen erzählen, was die Sterne gesagt haben?“
„Du darfst es. Aber du wirst es nicht können.“
„Warum nicht?“
„Dazu müssen die Worte dafür erst in dir wachsen.“
„Ich möchte ihnen aber davon erzählen, allen! Ich möchte ihnen die Stimmen vorsingen können. Ich glaube, dann würde alles wieder gut werden.“
„Wenn du das wirklich willst, Momo, dann musst du warten können.“
„Warten macht mir nichts aus.“
„Warten, Kind, wie ein Samenkorn, das in der Erde schläft einen ganzen Sonnenkreis lang, ehe es aufgehen kann. So lang dauert es, bis die Worte in dir gewachsen sein werden. Willst du das?“
„Ja“, flüsterte Momo.

Aus: Michael Ende: Momo, Zwölftes Kapitel: Momo kommt hin, wo die Zeit herkommt


[Editiert am 4/3/2010 um 09:39 von Serafia_Serafin]

Anar - 5/3/2010 um 12:06

Ich finde es immer wieder faszinierend wie sich die kleinen großen Weisheiten durch alle möglichen Bereiche ziehen - als hätten alle mal Auszüge aus einem einzigen Buch abgetippt.

Serafia_Serafin - 5/3/2010 um 18:58

Ich denke, das liegt daran, dass die eigentlichen Erkenntnisse so essenziell und einfach sind, dass nur wenige (so sie sich denn nicht völlig verschließen) daran vorbei kommen. Weiterhin sind die Menschen, die schreiben, immer stark von ihrer umgebenden Kultur und ihren Lehren beeinflusst. Ich denke, es gibt kaum einen Schriftsteller oder Geschichtenerzähler, der nicht gerne liest oder Geschichten hört.

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