Thema: Hüterin des Weges

Forum: Geschichten

Autor: Mondscheinbluete


Mondscheinbluete - 13/8/2006 um 18:37

Die nun folgende Geschichte habe ich zwar schon in meinen Thread zum "Lebenszyklus" gestellt, aber ich denke, sie würde hier einen guten Platz finden. Die Geschichte stammt aus dem Buch "Der alte Pfad" von Vicky Gabriel. Vielleicht kennt es sogar schon einige.


Die Hüterin des Weges


Die Welt ist groß und die Welt ist weit. Oh nein, das ist nichts Selbstverständliches. Viele Leute sagen zwar, die Welt sei groß, doch sie wissen nicht, wie groß sie ist, denn sie haben nie mehr als den Weg vom Dorf bis zum Markt oder die Blüte der heimatlichen Bäume gesehen. In Wirklichkeit aber ist die Welt noch viel, viel größer! Und es gab da jemanden, der wußte, wie groß sie wirklich ist, und dieser Jemand war eine Schildkröte.
Warum gerade eine Schildkröte? Nun, Schildkröten leben sehr sehr lange- und diese eine ganz besonders- und sie haben immer Zeit. Langsam und gemächlich ziehen sie über das Land, so langsam, daß sie alles sehen können und nichts ihrem Blick entgeht. Der so wandert, der kennt die Welt und weiß, wie groß sie wirklich ist.
Diese besondere Schildkröte also zog seit vielen, vielen Jahren über das Land. Sie hatte viel gesehen: die Geburt eines Kindes, zwei Menschen, die umeinander in Liebe warben, eine Hochzeit (in Wirklichkeit sogar sehr viele Hochzeiten) und einen Trauerzug, und immer saß sie am Wegesrand, sah zu uns sagte: „Es wird, wie es werden soll.“ Auch sah sie einen Mann, der einen anderen bestahl, einen, der ein Kind rettete, das ins Wasser gefallen war und einen, der seinen Nachbarn tötete. Sie saß da und sagte: „Es wird, wie es werden soll.“ Sie sah einen Hafner, der alle Menschen um sich herum mit seinem verzauberten Lied glücklich machte, sah Menschen beim Tanz und Menschen im Streit. Sie sah Länder blühen und andere unter dem Joch der Hungersnot verdorren, doch immer sagte sie nur diesen einen Satz: „Es wird, wie es werden soll.“
Nun, so eine Schildkröte, die Jahr um Jahr durch die Welt zieht, fällt irgendwann auf. Die Menschen begannen sich zu fragen, wann sie sie denn zum ersten Male gesehen hätten, und als sie es nicht sagen konnten, fragten sie ihre Eltern und als auch diese es nicht wußten, wieder deren Eltern... . Also, um es kurz zu machen: Bald war allen klar, daß die Schildkröte schon sehr, sehr lange in der Welt umherzog und sehr, sehr viel gesehen haben mußte.
So begannen die Menschen also, die Schildkröte aufzusuchen und um ihren Rat zu bitten. Die Schildkröte hörte sich die Geschichten, die ihr so am Wegesrand erzählt wurden, aufmerksam an; doch ihre Antwort lautete immer: „Es wird, wie es werden soll.“ Das verwirrte die Menschen, die nicht recht wußten, wie dieser eine Satz ihnen in all ihren verschiedenen Lebenslagen von Nutzen sein sollte, und so kam es, daß die Schildkröte bald wieder allein und unbehelligt ihres Weges zog, weil die Menschen diesen Rat nicht hören wollten.

Eines Tages aber kam ein Mann zu ihr. Seine Eltern hatten ihm die Geschichte von der Schildkröte erzählt, die immer nur diesen einen Satz sagte, was immer sie auch sah oder hörte, und so war er neugierig geworden und hatte sich aufgemacht, dieses Rätsel zu lösen. In all den vielen Jahren war er der erste, der die Schildkröte nicht nach seinen Problemen fragte, sondern etwas über sie selbst wissen wollte. So ging er also hin und sagte:

>> Die Menschen haben mir seltsame Dinge über dich erzählt. Warum sagst du zu allem immerzu: „Es wird, wie es werden soll.“?<<

Da lächelte die Schildkröte, erhob sich und bedeutete dem Mann, ihr zu folgen. Sie führte ihn an ein weites Gräberfeld und sagte:

„Siehst du, hier liegen all jene, die ich gesehen und gehört habe. Und es wurde immer, wie es werden sollte.“

Sie zeigte ihm das Grab des Kindes, das aus dem Wasser gerettet worden war und erzählte ihm, daß es seinen Tod nur wenige Jahre später auf dem Schlachtfeld gefunden habe. Und dann das Grab des Mannes, der seinen Nachbarn im Zorn getötet hatte; sein Leben endete nach vielen, vielen Jahren, die er in Wohlstand und Glück erleben durfte. Und dann das Grab des jungen Paares, das umeinander warb, als die Schildkröte vorbeikam; die Braut starb noch im Kindbett, doch der Bräutigam fand bald eine andere Frau, mit der er viele Kinder hatte.
Und das Grab des Diebes, der kurze Zeit später ein Mönch geworden war, um für seine Sünden zu sühnen und den Menschen fortan nur noch Gutes zu tun.

„Nur das Ende ist immer und überall gleich“, sagte die Schildkröte. „Gewiß ist jedem nur der Tod!“

Der Mann fand dies grausam und ungerecht und fragte die Schildkröte, warum sie ihm auf seine Frage denn geantwortet habe, wenn sie nur Tod und Ungerechtigkeit vorweisen könne. Da lächelte die Schildkröte wieder ihr leises, altes Lächeln und sagte:

„Was weißt du denn darüber, wie die Welt wirklich ist? Wie lange bist du denn langsam gewandert und hast gesehen? Die Gerechtigkeit, die ihr Menschen immer so ehrt und selten beachtet, gibt es gar nicht. Gerecht ist nicht, was euch zusteht, sondern was geschehen muß. Jeder Mensch nimmt seinen Platz im Plan der Welt ein, und all jene, die du gesehen hast, haben ihren Teil daran getan, und sie haben ihn gut getan.“

Der Mann war mit dieser Antwort aber nicht zufrieden und fragte abermals:
>> Aber wozu waren all diese Leben, all diese Freuden, Mühen und Schmerzen dann gut?<<

Da blickte die Schildkröte hinauf zu ihm und sagte:
„Damit ich wachsen, lernen, mich wandeln und verwandeln kann.“

Und dann verschmolz sie vor den Augen des Mannes mit dem Boden unter ihren Füßen, löste sich einfach auf und ging ein in die Erde. Einen ganz, ganz kurzen Augenblick lang leuchtete alles um ihn herum- der Weg, auf dem er stand, die Wiesen, die Felder mit dem jungen Korn, ja, sogar die waldbedeckten Berge und der See- im Muster ihres Panzers auf; dann war auch das verschwunden. Der Mann aber konnte Zeit seines Lebens nie wieder einen Schritt tun, ohne zu wissen, auf welch weises Wesen er seine Füße setzte und daß alles so wird, wie es werden

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