Thema: Schatten (ein Prolog)

Forum: Geschichten

Autor: Eliphas Leary


Eliphas Leary - 16/3/2007 um 23:00

Ein kleiner Prolog, der letztes Jahr irgendwann aus meinem Hirn über die Finger durch die Tastatur in den Rechner floss. Bin gespannt, wie und ob Euch das gefällt...




Der Raum war dunkel, nur erhellt von einem Dutzend gegen die Schatten ankämpfender Kerzen. Die nackten Betonwände verschluckten das Licht. Es war feucht. Das lag weniger daran, daß der Raum tief unter der Erde lag, eher an der Sommerhitze, die sich bis hier unten vorgegraben hatte. Die Wände schwitzten die feuchte Hitze aus.
Der einsame Mann, der zwischen den Kerzen saß, schwitzte ebenfalls. In kleinen Rinnsalen floß ihm der Schweiß über den nackten Körper, sammelte sich unter seinem Gesäß und bildete eine langsam wachsende, stechend stinkende Pfütze.
Er wiegte sich rythmisch vor und zurück, summte und murmelte vor sich hin. Die Augen fest verschlossen nahm er nicht wahr, wie die Wände das Licht immer gieriger aufsaugten. Schatten schienen sich zwischen den kleinen Flammen auszubreiten, das Licht der Kerzen aus ihrem gerade erkämpften Territorium treibend.
Ein einziger Ton beendete seinen seltsamen Singsang. Er stieß diesen Ton mit Triumpf aus, ein tiefes "Oooooohhh", das seine Eingeweide beben ließ. Der Ton fühlte sich für ihn so an, als käme er aus dem Herzen der Erde selbst, als würde dieser Ton durch seinen Unterleib in ihn eindringen und in seinem Körper langsam nach oben klettern. Er wurde lauter und wandelte sich zu einem noch tieferen "Aaahhh". Der Mund öffnete sich dabei weit, und langsam öffneten sich auch die Augen.
Abrupt brach der Ton ab. Der Mann nahm die Welt wieder wahr, kehrte sofort aus seiner Trance zurück.
Vor ihm an der Wand zeichnete sich deutlich eine Silhouette ab. Ein stehender Mensch, so wirkte es auf ihn. Der Schatten eines Menschen, die Größe des Schattens ließ die Distanz zur Wand nur erahnen.
"Unerwartet..." murmelte er.
"Unerwartet..." murmelte es zu seiner Linken. Eine kalte Stimme, ein spöttisches Echo seiner Selbst.
Er drehte den Kopf. Da stand ein Mensch, schaute in seine Richtung. Erkennen konnte er diesen Menschen jedoch nicht, nicht bei dieser Beleuchtung, oder eher dem Mangel davon.
"Wer...?"
"Das sollte bekannt sein." kam im selben Atemzug die Antwort auf sein Erstaunen.
"Der Ruf wird erhört, sonst wäre da kein Rufen," kam eine zweite Stimme von rechts. Die beiden Stimmen hatten keine Eigenschaften, die er hätte beschreiben können. Keine Emotion schwang darin. Sie wirkten unbeteiligt, wie lautes Flüstern. Ihr Klang schnitt durch sein Fleisch und seine Nerven, drang durch seinen Geist und hallte in seinem Herz wider.
Er schaute nach rechts, sah dort eine weitere dunkle Figur stehen; wie ein solider Schatten, in dem nichts zu erkennen war. Die Figur trat auf ihn zu, bewegte sich zwischen die Kerzen.
Jetzt wurde doch ein Gesicht in dem Schatten sichtbar. Es war glatt, frei von Falten oder anderen Anzeichen von Alter oder Geschlecht. Mehr noch: es war so neutral wie eine Maske aus der Hand eines uninteressierten Künstlers. Farblos erschien dieses Gesicht, Schatten tanzten im flackernden Kerzenschein darauf, ohne daß die warme Farbe des Lichtes auf der Gesichtsfläche zwischen den Schatten deutlich wurde. Die Augen in diesem Gesicht starrten aus kleinen, schwarzen Pupillen auf ihn herab, eine Iris konnte er nicht erkennen, nur das Weiß der Augäpfel.
"Was...?"
"Was immer gewünscht wird," antwortete die Stimme von links.
"Das sollte bekannt sein." ergänzte die Figur, der er immer noch ins Gesicht starrte. Sein Atem ging stockend, seine Kehle wurde trocken. Er versuchte vergeblich zu schlucken und überlegte, was er sagen sollte. Sein Kopf war wie leergefegt. All die Vorbereitungen, die Mühsal der letzten Monate, das Erlernen der Worte und ihrer Aussprache. Nun war sein Ziel so nah, aber er konnte sich nicht mehr daran erinnern. Warum hatte er sie gerufen?
"Ihr seid Xeno..."
"Still!" befahl es von links.
Die Lippen in dem geisterhaften Gesicht formten das Wort "Aufstehen!"
Sein Leib richtete sich langsam auf, seine steifen und schmerzenden Gelenke protestierten. Als seine Füße sein Gewicht hochstemmten, fühlte es sich an, als würden seine Knöchel brechen, so steif waren sie vom langen Sitzen auf dem harten Boden. Erst als er merkte, wie unmöglich es ihm war, die Füße vorsichtig und schonend auf den Boden zu setzen, realisierte er durch die Schmerzen, daß er sich gar nicht bewegen wollte. Er wurde bewegt.
Sein Blick richtete sich auf den menschlichen Schatten auf der Wand vor ihm. Der Schatten stand unbewegt da, mit der selben Haltung wie vorher. Die Füße bewegten den Mann langsam auf die Wand zu, ein kleiner Schritt, ein langer Schritt, wieder ein kleiner Schritt. Je näher er der Wand kam, desto schärfer wurde der Schatten an der Wand.
Der Schatten begann, sich seinen Bewegungen anzupassen. Als er vor der Wand stand hatte er den Eindruck, sein eigener Schatten stünde da vor ihm.
"Komm!" sprachen drei Stimmen zu ihm wie eine. Die beiden dunklen Figuren standen an seiner Seite. Mit ihnen zusammen trat er in den Schatten, die Wand fühlte er wie die Oberfläche eines Sees, in den er tauchte.
Die Kerzen erloschen.

Hephaestos - 18/3/2007 um 10:32

ach ja, Barker :) hübscher anfang, kennst du imagica?

Eliphas Leary - 18/3/2007 um 14:39

Im "Hellbound Heart" war ein wenig aus Imajica als Werbung gedruckt. Das las sich unheimlich gut... Ansonsten hab' ich noch "Spiel des Verderbens" gelesen, und das war Horror wie ich ihn noch nicht kante, genial aber total krank. Kleiner Geheimtip, was das Horrorgenre angeht: John Ramsey Campbell. Der hat angefangen mit den üblichen Versuchen, HPL zu kopieren, bis er dann seinen eigenen Stil gefunden hat.

Hephaestos - 19/3/2007 um 07:08

ach, barker schreibt doch immer so einen horror- schweinkram ...

die "bücher des blutes" waren als teenager eine art lieblingslektüre von mir, auch wenn die kombination horror&sex nicht wirklich mein ding ist. die beiden längeren sachen die ich von ihm gelesen habe (imagica und galileo) waren ganz ok, eher fantasy als horror. aber ob sich das wirklich lohnt, noch mehr davon zu lesen? irgendwie ists dann halt wie bei koontz, nach dem 3. verliert man die lust am ewig-sich-gleichenden sex&blut&massaker.

die im wikipedia- artikel über ramsey erwähnten autoren (blackwood und machen) sind, wenn man auf das lovecraftsche steht, auch nicht zu verachten. muss man aber diesen viktorianischen stil abkönnen. arthur machen war übrigens auch im G.:D.:

Eliphas Leary - 19/3/2007 um 15:59


Zitat von Hephaestos, am 19/3/2007 um 07:08

die im wikipedia- artikel über ramsey erwähnten autoren (blackwood und machen) sind, wenn man auf das lovecraftsche steht, auch nicht zu verachten. muss man aber diesen viktorianischen stil abkönnen. arthur machen war übrigens auch im G.: D.:


Meinst Du den Artikel in der englischen WP? In der Deutschen find ich keinen...

Von Machen hab' ich mal den "Great God Pan" gelesen, war in einem Buch mit Horrorkurzgeschichten, die HPL beeinflusst haben. Ist jetzt zehn Jahre her, neben der Geschichte von Machen blieb mir nur noch die Geschichte von E. F. Benson im Gedächtnis, mit dem schönen Titel "negotium perambulans in tenebris".

http://www.gordon-fernandes.com/hp-lovecraft/other_authors/ne gotiam.htm

Auch die "Body Snatchers" von Robert Louis Stevenson waren in dem Buch abgedruckt (habbich aber nur angelesen und nie beendet), die Story spielt eigentlich Mitte des 19ten Jahrhunderts in den USA. Nicht so, wie in den vielen Verfilmungen. Und gerade dadurch gewinnt die Geschichte eine besondere Faszination, wenn die Charaktere z.B. ihre Eindrücke schildern beim ersten Kontakt mit der Eisenbahn...

EDIT: :o nur kurz gegoogelt, aber die Seite mit Stories ist cool... Blackwood, Bierce, Dunsany, L. P. Hartley (<- LPH hat HPL beeinflusst! LOL!)


[Editiert am 19/3/2007 um 16:01 von Eliphas Leary]

Hephaestos - 20/3/2007 um 05:04

ur kurz gegoogelt, aber die Seite mit Stories ist cool... Blackwood, Bierce, Dunsany, L. P. Hartley (<- LPH hat HPL beeinflusst! LOL!)



ob sie wohl beide dem LHP gefolgt sind?

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